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Die Krux mit den bösen Vergleichen

Der TV-Moderator Ulrich Wickert stolperte 2001 über seinen Bush-Bin Laden-Vergleich und wurde zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen, die damalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin musste ein Jahr darauf wegen eines Bush-Hitler-Vergleichs ihren Hut nehmen – und der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin wurde 2006 angezeigt, weil er bei Dreharbeiten ein T-Shirt trug, auf dem anstatt des Buchstabens „S“ im Schriftzug „BUSH“  eine Swastika prangte. Und unlängst durfte sich ausgerechnet der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz zum Antisemiten abstempeln lassen, weil er es wagte, auf strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der heutigen Islamophobie und dem Judenhass hinzuweisen.

Vergleiche sind, so wissen wir, oftmals heikel, da subjektiv – und deshalb auch nicht immer für jeden nachvollziehbar. Man kann sich mit Vergleichen also mitunter gehörigen Ärger einfangen. Dabei besteht unser ganzes sprachliches Denken aus Vergleichen. Die Wahrnehmung unserer Welt ist ja auch immer subjektiv – und Vergleiche erleichtern eine sprachliche und damit kognitive Kategorisierung dieser unserer wahrgenommenen Welt. Weshalb also dieser Unmut über all diese Vergleiche?

Nun, dieser Unmut entsteht, wenn man sich ob dieser Vergleiche ungerecht bzw. unsachlich „einschablonisiert“ fühlt. (Wie hab ich es immer gehasst, wenn ich als Kind von meinen Eltern mit unliebsamen Verwandten verglichen wurde!) Vergleiche können jedoch auch dann für unangebracht befunden werden, wenn man an der Exklusivität einer Person, eines Gegenstandes oder eines Ereignisses festhalten möchte – sprich: wenn man an die Einzigartigkeit und Besonderheit eines „Objekts“ glaubt, die durch einen bestimmten Begriff oder Terminus beschrieben werden soll. Wenig verwunderlich erscheint es da auf den ersten Blick, wenn sich in den hitzigen Debatten rund um das Thema des Nahostkonflikts darüber echauffiert wird, dass zur Untermauerung israelkritischer Positionen auch immer wieder Holocaustvergleiche bemüht werden. Befürchtet wird, dass der inflationäre Gebrauch des Holocaustvergleichs zu einer „Verniedlichung“ oder gar Relativierung des eigentlichen Ereignisses führen könnte. Mit diesem Vorwurf wird jedoch auch unterstellt, dass diese Vergleichsbemühung immer mit der Absicht einhergeht, den historischen Holocaust unbedingt relativieren zu wollen. Nun, ich würde mal frech behaupten, dass ein solcher Vorwurf auch Rückschlüsse auf das Menschenbild derjenigen Person zulässt, die diesen Vorwurf äußert. Vielleicht bin ich ja auch zu gutgläubig, aber könnte es nicht auch sein, dass die Intention eines Menschen, der einen Holocaustvergleich bemüht, eigentlich primär eine andere ist, als nur allzu oft angenommen wird? Könnte es sein, dass – da sich der Holocaust als eines der schrecklichsten Menschheitsverbrechen überhaupt in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt hat – nur deshalb so oft als Vergleich für andere Gräueltaten herangezogen wird, damit dadurch an die Menschlichkeit und an das Verständnis anderer appelliert werden soll? Könnte man diese Vergleichsbemühung dann nicht einfach als das sehen, was sie vielleicht auch letztlich ist: ein (wenngleich) hilfloser, aber keineswegs unmenschlicher Versuch, auf Menschheitsverbrechen aufmerksam zu machen?

Die US-amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath (†) sorgte bereits in den 60ern für Aufsehen, weil sie sich als Nicht-Jüdin mit dem Leid der Juden identifizierte, weil sie sich „erdreistete“, ihre persönlichen Erfahrungen und Seelenschmerzen mit den Erlebnissen vieler Juden zu vergleichen (u.a. in ihrem Gedicht „Daddy“). Die Empörung war, so kann man sich denken, ziemlich groß. Doch wieder frage ich mich: weshalb denn eigentlich? Ich denke nicht, dass es Frau Plaths Absicht entsprach, das Leid der Juden im Dritten Reich „kleinzureden“ oder zu bagatellisieren. Wichtig erscheint mir in einer Diskussion um Vergleiche daher stets die Frage nach der Intention eines solchen Vergleichsunterfangens. Aber ich würde mich davor hüten, anderen Menschen immer sofort „Böses“ zu unterstellen. Vergleiche sind per se nicht unbedingt etwas Schlechtes. Vielleicht sollte man sich einfach der Tatsache bewusst werden, dass Vergleiche nicht mit Gleichsetzungen zu verwechseln sind. Vielleicht wollen Vergleiche auch einfach nur mal zum Nachdenken animieren. Einige der oben genannten Vergleiche sind auch nicht von ungefähr möglichst provokativ – aber herrje, auch das sollte legitim sein, oder?

Und hier noch ein netter Artikel (wenngleich auch nicht mehr ganz neu) zum Themavergleichen heißt nicht(!) gleichsetzen:

http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/vergleichen-heisst-nicht-gleichsetzen/

http://www.hagalil.com/archiv/2009/03/28/brumlik/

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