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Rohe Schweineleber und Alkohol bis zum Erbrechen

Seltsam…erst letzte Woche habe ich auf das wunderbare Pol(i)t-Satire-Stück „1705“ aufmerksam gemacht – und als hätte ich es geahnt, machen die Gebirgsschützen des beschaulichen Örtchens Mittenwald mal wieder auf sich aufmerksam:

Bundeswehr-Rekruten mussten sich offenbar „entwürdigenden Ritualen“ unterziehen. Ein ehemaliger Soldat erhebt schwere Vorwürfe gegen seine Kameraden und reichte Beschwerde beim Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe, ein.

Rekruten mussten demnach bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen, um in einer internen Hierarchie aufzusteigen. Dem Brief zufolge existiert bei den Gebirgsjägern des Bataillons 233 unter den Mannschaftsdienstgraden schon seit den achtziger Jahren eine interne Hierarchie, genannt „der Hochzugkult“. In diesem sei man zunächst drei Monate „Fux“ und müsse für die „Cheflage“ spülen und putzen.

Aufsteigen könne man nur, wenn man verschiedene Aufnahmerituale bestehe. So musste sich der Soldat, der die Beschwerde einreichte, im Sommer 2009 zwei Tage lang außerhalb der Dienstzeit anstrengenden Prüfungen stellen und dabei große Mengen Alkohol trinken. Dabei würden Soldaten auch gezwungen, rohe Schweineleber und Rollmöpse mit Frischhefe zu essen. Die Frischhefe bewirke, dass sich die Betroffenen innerhalb kürzester Zeit heftig übergeben mussten. Auch seien Soldaten gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.

Robbe berichtete dem Verteidigungsausschuss des Bundestags in einem Brief und sprach von Aufgaben, die zum Teil „als erniedrigend und herabwürdigend“ anzusehen seien. Dem Radiosender NDR Info sagte der Wehrbeauftragte, er befürchte, dass es seit Jahrzehnten zu solchen Vorfällen gekommen sei. Es handele sich offensichtlich um einen Fall von größerer Dimension. Ob Vorgesetzte involviert waren, sei aber noch unklar. Die Bundeswehr habe die Vernehmung der möglichen Beteiligten noch nicht abgeschlossen. Nach bisherigen Ermittlungen ereigneten sich die Vorfälle nicht während der Dienstzeit und außerhalb der Kaserne.

(SPIEGEL Online; Kursivierung und Hervorhebung von mir)

Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft – und unser „werter“ Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, selbst ein ehemaliger Gebirgsschütze, meldet sich auch prompt zu Wort:

„Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen.“ – so Guttenberg im ZDF.

Der Skandal ist groß – und keiner will etwas von diesen Ritualen gewußt haben.

Wer´s glaubt, wird selig…

Dabei dürfte der Hang  der Mittenwalder Gebirgsjäger zur „Traditionspflege“ bereits längst bekannt sein:

Jedes Jahr richtet der „Kameradenkreis der Gebirgstruppe e.V.“ Gedenkfeierlichkeiten für gefallene Soldaten an einem eigens dafür errichteten Ehrenmal auf dem Hohen Brendten aus. Die so genannte Brendtenfeier gilt auch als Deutschlands größte Soldatenfeier. Allerdings finden seit 2002 auch zeitgleich Gegenveranstaltungen der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sowie zahlreicher anderer, überwiegend linker, Gruppierungen statt. Die Gegner dieser Veranstaltung werfen dem Kameradenkreis vor, die im Zweiten Weltkrieg verübten Verbrechen (an italienischen Soldaten und vor allem Zivilisten) gänzlich auszublenden, sie zu leugnen oder sogar gut zu heißen.

Viele dieser Kriegsverbrecher finden sich alljährlich zur Brendtenfeier ein – und nicht selten werden die Gegendemonstranten dieser Veranstaltung von den mittlerweile stark ergrauten Gebirgsjäger-Veteranen beschimpft und bedroht. Da kann es dann auch schon mal passieren, dass ein etwas älterer, ehemaliger Soldat seinen Gehstock erbost in die Höhe schwingt.

Freilich lässt sich  hier nun einwerfen, dass die Gräueltaten der Großväter-Generation nichts mit dem nun zu verhandelnden „Hochzugkult“ heutiger bajuwarischer Soldaten zu tun haben – dennoch drängt sich mir der Gedanke auf, dass die nun in der Presse diskutierten mittenwäldschen Gebirgsjägertraditionen keineswegs als eine soldatische (oder gar nur bajuwarische) Ritual-Ausnahmeerscheinung angesehen werden dürfen. Außerdem: Nach oben kriechen und nach unten treten – das lernt man halt auch bei der Bundeswehr. Und leider nicht nur da. Eigentlich immer dort, wo Menschen Macht auf andere ausüben können. Und das wird dann als Kult bezeichnet – im schlimmsten Falle sogar als Kultur. Ein Unrechtsbewußtsein scheint bei einigen Wehrpflichtigen da schon aus „traditioneller Verantwortung“ heraus gänzlich  abhanden gekommen. Und wer ein „richtiger Mann“ sein will, der muß halt auch was aushalten können, nicht wahr?

Und weil´s so schön war noch einmal:

auch sehr interessant:

Ab Minute 3 wird´s dann richtig interessant: Ein ehemaliger Gebirgsjäger wirft die Frage auf, was denn überhaupt Kriegsverbrechen seien – denn schließlich ginge es ja in keinem Krieg „schön zu“. Hmmm…genau dieses Argument hab ich schon mal gehört – von der Freundin des energischen Initiators der „Kritikmaximierungs“-Veranstaltung im Hamburger B-Movie…Ihrer Ansicht nach gibt es also keine Kriegsverbrechen – und erst recht nicht von Seiten des israelischen Militärs. Bei so viel Dummheit und Ignoranz muss einem ja zwangsläufig schlecht werden.

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Eingeordnet unter Gebirgsjäger, Hochzugkult

„Wir brauchen keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten“

Im Folgenden präsentiere ich Euch nun einen Ausschnitt aus dem herrlichen Stück „1705“ (Gerhard Polt). Irgendwie musste ich da an ganz bestimmte (Hamburger) „Unzumutbarkeiten“ denken…

Auch heute stehen wir wieder vor schwierigen Aufgaben, die sehr schwierig sind, weil nicht nur der äußere Feind uns bedroht, sondern der innere Feind, der wo aber auch von außen kommt, aber bereits schon bei uns herin ist. Es ist zwar nur eine Minderheit, aber die ist es, welche die Mehrheit terrorisieren will, und deshalb erkennt man sehr schnell, dass diese Minderheit der innere Feind ist. Überall sitzt er drin, wie zum Beispiel im Fernsehen, wo man der Mehrheit unserer Bürger faule Fleischreste zeigt,  mit Würmern und Trichinen, und das tut man, damit uns der Appetit vergeht und mia Kerndl fressen und unsere Landwirte kein Fleisch mehr verkaufen. Diese Kerndlfresser sind nur ein Beispiel, wie eine Minderheit uns schikaniert und man zum Psychiater gehen muß, damit einem beim Anblick von einem Schnitzel nicht schlecht wird. Und genau dieselben sind es auch, welche die Biergärten schließen wollen, weil es ihnen nicht paßt, dass die Mehrheit an einem Bier eine Freud hat, obwohl man in diesem Land sich aus Tradition zum Bier bekennt und es weit über tausend Jahre aus kultureller Verantwortung trinkt.

[…]
 
Wir in Bayern sind doch eine Demokratie, wo kein Mensch gezwungen wird, eine Minderheit zu werden, jeder hat das Recht, sich zur Mehrheit zu bekennen und sich anständig zu benehmen, und wenn er das tut, dann braucht er kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er in aller Ruhe einen Schweinsbraten ißt und einige Bier dazu trinkt, dann waren auch die Opfer von 1705 nicht umsonst.
 
(Ausschnitt aus „1705“ in: Gerhard Polt, Circus Maximus – das gesammelte Werk, Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, 2005, S. 31f; dieser Textausschnitt weicht ein wenig ab von der unten aufgeführten Polt-„Performance“)
Na denn Prost!
😉
 
 
 

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