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Jakobs Himmelsleiter: Demut im Angesicht der Hölle

Für Jakob Augstein ist alles ganz einfach: „Die Sterbehilfe gehört verboten“. Bereits der erste Satz seines Kolumnenbeitrags zur aktuellen Sterbehilfe-Debatte lässt mich ungläubig die Augen reiben. Handelt es sich hierbei um einen sarkastischen Kommentar, eine pure Provokation oder gar einfach nur um einen schlechten Witz des von mir eigentlich aufgrund seines kritischen Scharfsinns sehr geschätzten Journalisten? Weit gefehlt! Augstein meint es vollkommen ernst und schwadroniert fortan nur noch vom „Tod auf Bestellung“ und der „Anleitung zum Selbstmord“, welcher ja in der Menschheitsgeschichte ohnehin schon immer ein großes „Tabu“ darstellte (bis hier hatte ich noch auf einen kritischen Unterton bezüglich dieses mitunter sehr religiös aufgeladenen pawlowschen Tabuisierungsreflexes beim Thema „Selbstmord“ gehofft, aber er meint es auch hier vollkommen ernst). Augstein differenziert nicht zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe, zwischen indirekter Sterbehilfe oder der Beihilfe zur Selbsttötung. Wir wissen nur: Für ihn gehört die Sterbehilfe verboten – und damit schließt er sich der Forderung unseres Bundesgesundheitsministers Gröhe an (, welcher sich jedoch in der aktuellen Debatte gegen die ärztliche und damit „aktive Sterbehilfe“ ausspricht). Auch wählt er ganz bewusst den Begriff „Selbstmord“ – und nicht etwa „Selbsttötung“ oder „Freitod“. Ja, es kommt auch auf die kleinen, aber feinen Unterschiede der Begrifflichkeiten an! Für mich heißt das: Wieder zurück ins finstere Mittelalter! Wieso Mittelalter wird jetzt der/die ein/e oder andere fragen, schließlich gebe es ja berechtigte Sorge hinsichtlich der Möglichkeit des Missbrauchs und überhaupt: wie steht´s denn eigentlich um die Ethik in Sachen (ärztlicher, respektive aktiver) „Sterbehilfe“? Ich gebe gerne Antwort: Nichts erscheint mir verkrusteter, widerwärtiger, ja zutiefst unmenschlicher und unterdrückerischer als ein Appell zur Demut im Angesicht von Schmerz, Not und Leid. Nein, mir wird sogar schlecht dabei. Und das sowas von.

„Trost für einen Sterbenden: Demut üben“

„Trost für einen Sterbenden: Demut üben“ lautet der Bildtitel unterhalb der Fotografie des Augsteinschen Devotions-Mementos, die ineinander gelegte Hände zeigt: die einer bettlägerigen Person, die „Altersflecken“ auf der Haut aufweist – und die einer Person, welche offenkundig Sterbebegleitung ausübt. Doch nicht nur der Bildtitel soll Augsteins generelles (?) Sterbehilfe-Verbot untermauern: Er bemüht sogar die Leidensgeschichte des inzwischen heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II für sein Humilitätsanliegen (nicht zu verwechseln mit Humanitätsanliegen!) und endet seinen Opferbereitschafts-Vortrag mit den Worten: „Der [vom Papst unter größten Qualen] geduldete Tod wurde zu einem Zeichen für die Würde des Lebens.“ (Einfügung in eckiger Klammer von mir)

Demut im Angesicht der Hölle – pardon, aber die religiöse Konnotation musste jetzt einfach sein – ja, das scheint der Inbegriff moralischer Vollkommenheit für Herrn Augstein.

Nebensächlich, ja vollkommen irrelevant die Frage nach dem (gerade bei unheilbaren Krankheiten) sinnlosen Leid vieler Sterbender.

Unbedeutend damit auch eine jede Patientenverfügung. Individuelle Willensäußerungen? Absolut null und nichtig.

Denn laut Augstein gehört die Sterbehilfe generell (?) verboten.

„Aber“, so schwadroniert er bereits im ersten Absatz seines Artikels, der bereits im Titel einen Imperativ zur „Schonung des Todes“ enthält (Ja, der wird hier von Augstein personifiziert – noch irgendwelche Fragen?), „am Ende sollten wir im Tod etwas üben, was wir im Leben leicht verlernen: Demut. Das Leben ist nicht beherrschbar, der Tod sollte es auch nicht sein.“

Augsteins Kalenderweisheiten. Oder hat er als dreifacher Vater einfach nur vergessen, dass auch dem Leben manchmal etwas nachgeholfen werden muss (ja, auch aktiv – und mit ärztlicher Hilfe!) ? Würde er auch werdenden (und manchmal leider auch nur für kurze Zeit gewesenen) Müttern abverlangen, „in Demut“ zu gebären? Ach nee, eigentlich müsste er das ja dann von den Neugeborenen abverlangen. Die Demut beim Geborenwerden natürlich.

Wie gesagt: Zurück ins Mittelalter.

„Die ausdrücklich geregelte Suizidhilfe durch Ärzte ist das Einfallstor für eine gefährliche Entwicklung: Sterbehilfe als übliche Behandlungsmethode.“

schreibt Augstein. Ich habe Herrn Augstein bislang vieles, aber niemals Hysterie unterstellt. Freilich, Missbrauch wird es wohl immer geben – aber sollte man nicht genau dafür sorgen, dass das Risiko hierfür maximal minimiert wird? Und ist es das bei einem Verbot? Und weshalb diese hysterische Befürchtung, dass „die ausdrücklich geregelte“ Sterbehilfe durch Ärzte zur „üblichen Behandlungsmethode“ würde? In der aktuellen Debatte geht es darum zu klären, inwieweit die (ärztliche) Suizidbeihilfe reguliert (!) oder eingeschränkt (!) werden soll. Nur die Feststellung der freien selbstbestimmten Entscheidung der Sterbewilligen kann als Grundlage für die Sterbehilfe gelten. Und daran wird sich wohl kaum etwas ändern. Die Annahme, dass sich hierdurch (ärztliche) „Sterbehilfe als übliche Behandlungsmethode“ durchsetzen würde, ist deshalb nichts weiter als hysterisch. In den Niederlanden ging nach der Liberalisierung des Sterbehilfe-Gesetzes die Anzahl derer, die die Sterbehilfe tatsächlich in Anspruch nahmen sogar deutlich zurück. (Auch hier nachzulesen: http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/817812/sterbehilfe-gesetz-sorgt-weniger-tote.html) Dafür gibt es sicherlich viele Gründe. Vielleicht auch den Grund, dass es durchaus „beruhigend“ auf die Patienten wirken kann, zu wissen, dass dem eigenen Leiden auch auf ausdrücklichem Wunsch ein Ende bereitet werden kann. Aber vielleicht bin ich da ja auch nur zu empathisch.

Und als ob er nicht schon längst zuviel verallgemeinert, vereinfacht und unterstellt hätte, nein! – für Augstein stehen alle Lebensmüde und deren Helfershelfer (Augstein spricht auch indirekt von „Anstiftern“ zum Selbstmord) unter Generalverdacht:

„In Wahrheit ist der Tod auf Bestellung kein Gewinn an Freiheit. Sondern eine Kapitulation – vor dem Leben und vor dem Geist des Zwecks. Ärzte und Konzerne helfen uns mit chirurgischen und kosmetischen Mitteln dabei, das Altern zu verlernen. Nun sollen wir uns von Schmerz und Leid abwenden. Es lebe die Effizienz, es lebe die Optimierung!“

Aha. Geht´s vielleicht bitte noch eine Nummer kleiner? Also alles jämmerliche Kapitulierer vor „dem Leben und dem Geist des Zwecks“? Alles Effizienz- und Optimierungsfanatiker? Oder einfach nur Jammerlappen, die sich „von Schmerz und Leid abwenden“ wollen? Ich will mir erst gar nicht ausmalen, was dieses Augsteinsche Gedankengeschwür in der Konsequenz bedeuten soll…Etwa: „Lasst uns auch auf die Palliativmedizin scheißen! Sterbt und leidet in Demut!“ ?

Nein, Herr Augstein: Nicht der „Tod“ bedarf unserer besonderen Rücksichtnahme, sondern die freie selbstbestimmte Entscheidung des jeweiligen Sterbewilligen! In der Aufforderung zu mehr Demut sehe ich wiederum „das Einfallstor für eine [andere] gefährliche Entwicklung“: die Demütigung der Leidenden.

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